Ein junger Verband – eine lange Tradition

Von Stephan Behrmann

Sachsen-Anhalt zählt zu den jüngeren Mitgliedsverbänden des Bundes Deutscher Amateurtheater. Die Gründung eines eigenen Landesverbandes liegt gerade ein­mal zwei Jahrzehnte zurück – dennoch blickt die Region auf eine ebenso lange wie lebendige Amateurthea­tertradition zurück. Insbesondere in der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts lassen sich die wesentlichen Entwicklungen im Bereich des Amateurtheaters vergleichsweise gut nachvollziehen.

Bereits kurze Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges formierten sich in Sachsen-Anhalt – einer Region, die 1952 im Zuge der DDR-Verwaltungsreform hauptsächlich in die Bezirke Halle und Mag­deburg neu gegliedert wurde – die ersten Amateurtheaterinitiativen. Im Zuge der Reindustrialisie­rung entstanden an zahlreichen Betrieben Theatergruppen, die mit ihrer kontinuier­lichen Arbeit in den folgenden Jahrzehnten den wesentlichen Be­stand­teil der Amateurthe­a­terszene bildeten.

Knapp ein Jahrzehnt nach Grün­dung der DDR forderte Walter Ulbricht auf dem fünften Parteitag der SED, dass die Arbei­terklasse „die Höhen der Kultur stürmen und von ihnen Besitz ergreifen“ müsse, um ihrer Rolle als „führende Kraft“ gerecht zu werden. Der Versuch, die vermeintliche Kluft zwischen den Kunsteliten und der Arbeiterklasse mit aller Macht aufzulösen, mündete 1959 im sogenannten Bitterfelder Weg und in Losungen wie „Greif zur Feder, Kumpel, die sozialistische deutsche National­kultur braucht dich!“. All das beförderte und flankierte eine neu entstehende Breitenkultur – die gleich­­sam den Theaterbe­reich erfasste.

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Doch unabhängig vom ideologischen Begleitton, war das per­sön­liche Enga­gement der vielen Akteure in den Theater­gruppen nicht allein die Folge politischer Direktiven. Es entsprang gleichsam dem intensiven Be­dürfnis nach kollektiver künstlerischer Äuße­rung. Trotz des zum Teil engen Korsetts ideologischer Vorgaben und der kulturpolitischen Kontrolle war das Ama­teur­theater in den Betrieben zunehmend auch als kreativer Freiraum erlebbar, in dem eine künstle­risch-kritische Auseinanderset­zung mit der DDR-Gesellschaft möglich war. Thomas Stieghahn, seit 1968 Mitglied des MAW-Arbei­ter­theaters in Magdeburg und dessen späterer Leiter, erinnert sich insbesondere mit Blick auf die 1970er- und 80er-Jahre daran, dass sich das Amateurtheater in dieser Hinsicht wenig von den pro­fessionellen Theatern unterschied. Die Doppelbödigkeit der künstleri­schen Arbeit und das „zwi­schen den Zeilen lesen“ waren prägend – unabhängig davon, ob es sich um eine Brecht-Insze­nierung oder einen Mo­lière handelte. An vielen Arbeitertheatern fanden die Ak­teu­re sehr gute Rahmenbe­din­gun­gen vor. Dazu gehörten in den meisten Fällen entsprechend ausge­stat­tete Proben- und Auf­führungs­räume und zum Beispiel das Entgegenkommen bei betrieb­lichen Frei­stel­lungen.

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Hinzu kamen zum Teil enge Kooperationen mit den professionellen Theatern in Halle, Magdeburg, Dessau. Die großen Häuser leisteten bei Bedarf eine künstlerisch-ästhetische oder dramaturgische Beratung oder unter­stützten die Amateure bei der Technik oder Ausstattung. So entstand in der Re­gion eine gut vernetz­te, leben­dige Amateurtheaterszene. Einige Insze­nie­run­gen fanden auch eine erwähnenswerte über­regionale Beachtung. Die Adaption des chine­sischen Volksstückes „Hirse für die Achte“ durch das MAW-Arbei­tertheater brachte es zum Beispiel 1958 zu einer vollständigen Aus­strahlung durch den Deutschen Fernsehfunk sowie zu einem Gast­spiel im Rahmen der Berliner Fest­tage. Das 1960 gegrün­dete Arbei­tertheater der Film­­fabrik Wolfen gastierte sieben Jahre nach dem Mauerbau mit „Ich den­ke an Viet­nam“ im Westteil Deutschlands. Im Jahr 1959 fanden in Halle die ersten Ar­beiter­festspiele statt. Bei den einwöchigen Kul­turfesten, die zunächst jährlich und ab 1972 alle zwei Jahre abge­halten wurden, war das nichtprofessionelle Theater stark vertreten. Trotz der zum Teil nicht zu übersehbaren politisch-ideolo­gischen Vereinnah­mung, boten sich den Theatergruppen interessante Möglichkeiten der künst­lerischen Horizonter­wei­t­erung und eine Platt­form für den überregionalen und zum Teil auch internationalen Austausch. Die wichtigsten Gruppen existierten in unveränderter Form bis zum Ende der DDR.

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Die Wende 1989/1990 bedeutete für die bestehende Amateurtheaterstruktur einen gravierenden Bruch. Die Abwicklung und Schleifung eines Großteils der Betriebe und Kombinate führte in der Re­gion – seit 1990 wieder Sachsen-Anhalt – zwangsläufig zu einem abrupten Zerfall der beste­hen­­den Ama­teur­szene. Schlagartig verschwanden die Strukturen, die Probenmöglichkeiten, die Räu­me aber auch die kollektiven Bindungen lösten sich auf. Für viele Akteure ging es zunächst um die Klä­rung ganz grundsätzlicher existenzieller Fragen und das Theater verlor in dieser Zeit – sieht man von Aus­nahmen ab – insgesamt an gesellschaftlicher Bedeutung. Nur sehr wenige Gruppen überlebten die gesellschaftliche Zäsur. Einzelne Akteure setzten nach einiger Zeit ihrer Arbeit fort, grün­­­deten neue Gruppen oder traten noch bestehenden Gruppen bei, doch es brauchte Jahre bis sich eine neue sta­bile und vielfältige Szene herausbildete.

Derzeit sind in Sachsen-Anhalt etwa 30 Amateurgruppen aktiv. Wenngleich sich eine Konzentration in Magdeburg und Halle feststellen lässt, finden sich auch zahlreiche Akteure in der Flä­che. Viele Grup­pen realisieren einen regen Spielbetrieb, zum Teil mit großen Ensembles und aufwen­digen Produk­tio­nen. Beim Blick auf die Amateurtheaterlandschaft lässt sich die Fortschrei­bung über­lieferter Tradi­tions­linien ebenso erkennen wie die Begründung neuer Entwicklungen. Die 1993 ge­gründete Magde­burger Theaterkiste wird seit vielen Jahren vom ehemaligen Leiter des MAW-Arbei­tertheaters Tho­mas Stieghahn geleitet, der die Volkstheatertradition des Ensembles fortge­führt und weiter­entwickelt hat. Das Arbei­ter­­theater der Filmfabrik Wolfen wurde – ebenfalls 1993/1994 – in Ama­teur­theater Wolfen umbe­nannt und in einen Verein mit Sitz im Städtischen Kul­turhaus Wolfen um­gewandelt. Zum Programm gehören Märchen und Einakter aber auch Ba­llett­produktionen. Einen besonderen Schwerpunkt bil­det in Sachsen-Anhalt seit vielen Jahren das Impro­visationstheater. Derzeit sind etwa zehn Impro-Grup­pen aktiv. Mit der IMPRONALE ist es 2003 gelungen, ein Festival des Im­pro­visations­theaters ins Le­ben zu rufen. Das Festival findet seit seiner Gründung ein­mal jährlich in Halle statt und hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten national sowie international einen erst­klassigen Ruf erarbeitet.

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Ein weiteres wich­tiges Zentrum des Amateurtheaters findet sich in Bern­burg. Das städtische Theater der Stadt unter­stützt derzeit fünf Amateurtheater­grup­pen, die am Theater unter anderem die Räume nutzen können und vom professionellen Apparat nach Kräften unterstützt werden. Seit 1998 finden am Theater Bern­­burg zudem in zweijährigem Turnus die Bern­burger Theatertage statt­ – einem zweitägigen, kleinen Fes­tival mit Aufführungen und der Möglichkeit für einen intensi­ven fachlichen Austausch. In Zielitz bei Magdeburg konnte 2015 das dort ansässige Holzhaustheater ein eigenes neues Thea­ter­gebäude einweihen, in dem ein regelmäßiger Vorstel­lungs­­be­trieb geboten wird und in sich dem eine Theaterschule befindet, die sich an Kinder und Ju­gend­liche der Region richtet. Im Rahmen der Kalimandscharo-Festspiele bespielt das Holzhaus­the­ater seit 2000 einmal im Jahr die bei Zielitz gelegenen weißen, bis zu 120 Meter hohen, Abraum­hal­den des Kalibergbaus mit einem unterhaltsamen Sommertheater für ein breites Publikum.

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Eine wei­tere neue Traditionslinie bildet das Kabarett. In Sachsen Anhalt arbeiten derzeit etwa vier Ka­barett­grup­pen im Bereich des Amateurtheaters. Darüber hinaus finden sich an der Martin-Luther-Univer­sität Halle-Wittenberg, an der Otto-von-Guericke-Universi­tät Magdeburg, aber auch an der Hoch­schu­le Magdeburg-Stendal aktive Studententheatergruppen.

Sowohl in den Städten als auch in der Fläche ist das Amateurtheater ein wichtiger Impulsgeber. Insbesondere im ländlichen Raum leisten einige Gruppen seit Jahren eine wichtige kulturelle und künstlerische Grundversorgung für alle Generationen.

Das Landeszentrum Spiel & Theater Sachsen-Anhalt e. V. – zunächst nur der Fachverband der pro­fessionellen freien Theater und des Schülertheaters – übernahm Ende der 1990er-Jahre gleichsam die Interessen­vertretung der Amateurtheater. Der vergleichsweise sehr junge Verband engagiert sich für eine substan­tielle Stärkung der sehr heterogenen Amateurtheaterlandschaft und für eine Ver­netzung der unterschiedlichen Akteure.

 

Eine umfassende Geschichte des Amateurtheaters in Sachsen-Anhalt ist noch nicht geschrieben. Der historische Teil dieser Darstellung stützt sich auf Augenzeugenberichte, Programmhefte und überlieferte Zeugnisse. Amateurtheatergruppen, die zwischen 1949 und 1990 neben den vergleichsweise gut dokumentierten Gruppen der großen Betriebe und Kombinate existierten sowie das Studententheater bleiben, aufgrund der fehlenden Quellen, weitestgehend unerwähnt.

Außerordentlicher Dank gebührt dem Amateurtheaterleiter Thomas Stieghahn aus Magdeburg, der zahlreiche Materialien zur Verfügung gestellt hat und der selbst für mehrere ausführliche Gespräche zur Verfügung stand.

 

 

 

 

Titelfoto: © Markus Scholz (www.marsfoto.de) mit freundlicher Genehmigung der IMPRONALE

Beitragsfoto 1: Aus: 30 Jahre Arbeitertheater MAW, 1978 (Agitprop- und Laienspielgruppe  Karl-Marx-Werk Magdeburg, 1959)

Fotos 2 und 3: Aus: 30 Jahre Arbeitertheater MAW, 1978 („Im Morgenrauen ist es noch still“ 1978)

Foto 4: © Markus Scholz (www.marsfoto.de) mit freundlicher Genehmigung der IMPRONALE

Foto 5: © Thomas Schult, mit freundlicher Genehmigung des Studierendentheaters der MLU Halle („Reigen“, Plakatmotiv)